Warum sich Liesl Müller Erwartungen an Linux nicht erfüllt haben.
Liesl geht mit der Zeit und hat sich beim XY Markt ein PC Komplettset gekauft. Auf Arbeit sitzt sie zwar auch den ganzen Tag am PC, dort hat ihr aber der doofe Computerfuzzi keine Adminstratorenrechte gegeben. Die braucht sie für Office Anwendungen nicht, sagt der.
Also probiert sie zu Hause alles Mögliche aus und installiert sämtliche Programme die sie finden kann. Wenn mal deswegen nichts mehr funktioniert, nutzt sie die Systemwiederherstellung ihres Windows. Schließlich hat sie diesen Profi Trick aus der Computerbild, die sie extra abonniert hat. Nach einem Jahr ist sie ihrer Meinung nach Fit in der Benutzung des heimischen PC und des Internet. Sie bekommt auch Mails von Menschen die sie nicht kennt.
Die schicken ihr dann Mails, wo im Anhang eine Rechnung.pdf.exe oder Brad_Pitt_nackt.jpeg.bat angehängt ist. Neugierig öffnet sie die Anhänge und wundert sich warum der PC nichts mehr macht oder sich komische Fenster öffnen. Verdammtes Windows denkt sie, nicht mal PDFs oder Bilder kann es öffnen.
Und begibt es sich, dass sie eines Tages ihren kauzigen Nachbarn trifft. Der ist ja Computerfreak und müsste ihr ja helfen können. Dieser fängt sofort an zu schwärmen von Linux. Dies sei Windows in jeder Form überlegen, einfach, schnell, sicher und das Beste was es gibt auf der Welt. Er könne ihr das installieren und sie sei bis ans Lebensende alle Sorgen los.
Na gut, denkt sich Liesl, wenn ihr Nachbar schon Tag und Nacht vor diesem Linux sitzt und so gut wie keine sozialen Kontakte im realen Leben hat muss es ja gut sein. Ihr Nachbar ist die Sorte Mann, die Liesl und alle ihre Freundinnen nicht als Mann haben wollen würden. Ein Eigenbrötler mit Jesus Latschen, verwaschener Jeans, speckigem Metallica Shirt, langen Haaren und unrasiert.
Als der dann noch erzählt, das alle Hochleistungsrechner oder Drohnen der USA mit Linux laufen und nächstes Jahr der Durchbruch von Linux auf dem Desktop kommt muss sie es auch unbedingt haben.
Gesagt, getan und der Nachbar kommt mit einer Linux CD vorbei, löscht das doofe Windows und installiert Linux. Wow schick, denkt Liesl und ist völlig aus dem Häuschen als sie während der Installation schon im Internet surfen kann. Als nach kurzer Zeit die Installation fertig ist freut sie sich über die schöne bunte Oberfläche. Das ist also dieses Linux von der ihr Nachbar so schwärmt.
An die komische Leiste links und das sie ihre offenen Fenster nicht mehr in einer Reihe unten sieht wird sie sich schon noch gewöhnen. Als ihr der Nachbar noch den Drucker anschließt und der nach dem Einstecken auch sofort namentlich gefunden wird ist sie voll auf begeistert. Bei Windows musste sie immerhin dazu eine CD einlegen und 3x klicken. Eine Zumutung.
Mit dem Scanner und der Webcam funktioniert es genauso meint der Nachbar. Einstecken und fertig.
Der muss jetzt aber wieder los sagt er, Kernel und Programme kompilieren. Bevor er geht setzt er noch diverse Lesezeichen zu Linux, Open Source und Weltrevolution.
Liesl liest die halbe Nacht und geht zufrieden und glücklich zu Bett.
Tag 1
Als sie am nächsten Tag müde aber voller Euphorie zur Arbeit erscheint muss sie erst mal ihren Kollegen laut und ungefragt davon erzählen. Sie sei jetzt auserwählt und erleuchtet und alle Windows Nutzer seien zu dumm für was anderes. Sie erzählt von Kernel, Terminal und Freiheit.
Die Kollegen schütteln lachend mit dem Kopf und tuscheln über Liesl. Ihr macht das aber nichts aus, schließlich geht es um das Überleben der Menschheit und da kann man keine Rücksicht nehmen.
Und überhaupt, sie empfindet es als Zumutung auf Arbeit an einem Windows PC sitzen zu müssen.
Kann man in der Firma nicht auch Linux installieren? Gleich Morgen wird sie den Chef und die IT Abteilung anrufen und den Betriebsrat kontaktieren.
Dann zu Hause angekommen wollte sie ja noch Fotos und Dokumente für die Oma ausdrucken und per Post verschicken. Aber was ist das? Der Drucker kann kein Schwarz/Weiß und nur 600 DPI.
Schnell ruft Liesl ihren Nachbarn an und schildert das Problem. Der kommt auch vorbei und gibt in dem kleinen schwarzen Fenster kryptische Befehle ein. Liesl versteht weder was der Nachbar da macht, noch was er in seinen 6 Tage Bart brabbelt. Nur Bruchstücke wie „ Freiheit“ … „Mächtig“ …“Windoof“ werden wie in Trance gebetsmühlenartig wiederholt.
Als dann nach einer Weile die farbige Testseite aus dem Drucker kommt ist Liesl froh. Sie fragt sich aber warum dass nicht so einfach ist wie bei Windows, dort muss man ja nur eine CD einlegen und 3x klicken. Jetzt wo der Nachbar da ist möchte sie auch noch den Scanner angeschlossen haben.
Als sich nach einer Stunde Google rausstellt, das der Scanner nicht Linux kompatibel ist erklärt der kauzige Nachbar, das Linux nicht Schuld ist und das Microsoft die Hardwarehersteller bestochen hat keine Linux Treiber anzubieten. Sie hätte sich schließlich vorher erkundigen müssen ob die Hardware kompatibel ist. Liesl nickt und fühlt sich schuldig. Sie hätte schließlich vor einem Jahr schon wissen müssen Linux zu nutzen. Vielleicht funktioniert der Scanner ja in 3 Jahren mit der Linux Version „Toothless Tiger“, solange kann sie ja auf das Scannen wichtiger Dokumente verzichten.
Der Nachbar musste wieder los zum Kompilieren und Liesl macht sich ans Fotos ausdrucken.
Als die Qualität der Fotos grauenhaft ist muss sie dann abends doch nochmal los zum Drogeriemarkt um die Fotos endlich irgendwann verschicken zu können.
Aber was solls, denkt sich Liesl. Es geht hier um die Befreiung der Menschheit vom Joch des Windows, da sind kleine Anfangsschwierigkeiten kein Problem.
Als sie dann wieder da ist liest sie noch in den Lesezeichen des Nachbarn und fühlt sich bestätigt und frei.
Tag 2
Als ihr auf Arbeit der Computerfuzzi über den Weg läuft, bestürmt sie ihn gleich mit Fragen zu Linux.
Der meint aber, dass er Familie und Freunde hat und keine Zeit sich in seiner Freizeit mit Basteln zu beschäftigen. Liesl ist völlig baff und hält dies für Gotteslästerung. Der Computerfuzzi ist ihrer Meinung nach unfähig und hat keine Ahnung.
Im Netz hat sie einen Linux Shop gefunden, wo es lustige Pinguin Sachen gibt. Sie bestellt einen großen Pinguin für die Couch, eine Tasse mit irgendwas mit Linux drauf und für alle Fälle ein Basecap.
Sie gehört ja jetzt zu der Gemeinschaft dazu und will das auch nach außen zeigen. Sollen die Kollegen doch spotten.
Als sie wieder zu Hause ist will sie mal wieder bei Youtube reinschauen. Aber was nun? Die Videos sind ja alle Blau und sehen komisch aus. Na gut, denkt sich Liesl, bei nächsten Update wird der Fehler bestimmt behoben. Schließlich kommen ja nahezu täglich etliche Updates. Bei Windows hat sie die abgeschaltet, ihr war das zu viel 1x im Monat.
Solange kann sie mal wieder bei der ARD Mediathek vorbeischauen.
Als diese aber auch nicht funktioniert ruft sie wieder beim kauzigen Nachbarn an.
Der erzählt wieder das Linux keine Schuld hat, vorbeikommen kann er aber nicht, er hat jetzt ein neues Linux entdeckt was man nur über die Konsole bedienen kann und alles Grafische per kryptischen Befehlen nachinstalliern muss. Dies sei total toll und sie müsse sich das unbedingt mal anschauen am Wochenende. Liesl kann sich nicht aufregenderes vorstellen und sagt zu. Den Termin mit ihrer Freundin zum Weiberabend sagt sie ab. Es gibt in ihrem Leben schließlich nichts Wichtigeres mehr als Linux.
Tag 3
Als Liesl auf Arbeit mal wieder den IT Support anrufen muss, weil sie auf dem Netzwerkdrucker nicht drucken kann fühlt sie sich bestätigt und lacht laut. Mit Linux wäre das nicht passiert. Schließlich funktioniert das alles so wie es soll. Sagt zumindest der kauzige Nachbar immer. Als sich der Fehler am Drucker am fehlenden Papier rausstellt, weiß Liesl nicht was sie sagen soll.
Wieder zu Hause, entdeckt sie Skype in den Paketquellen. Prima denkt sie, kann ich mal wieder mit den Freundinnen Videochat machen. Vorher mit Windows ging das ja auch. Sogar in HD.
Als sie die Webcam anschließt und das Bild auf dem Kopf steht und nur 16 Farben hat ist sie ratlos.
Den Nachbarn ruft sie wieder an. Dieser geht nicht ans Telefon, obwohl Licht bei ihm brennt.
Naja, denkt Liesl, der rettet grad die Welt und hat mit seinem neuen Linux viel zu tun.
Aber dann kommt ihr die Erleuchtung: Verdammtes Microsoft, auch da haben die ihre Hände im Spiel. Nicht mal ne Webcam kann man nutzen wenn man frei sein will.
Sie liest noch ein wenig in den Lesezeichen des Nachbarn und geht grübelnd ins Bett.
Tag 4
Auf Arbeit läuft alles am Windows PC. Das macht sie ein wenig stutzig. Sollte nicht Windows mindestens 3x am Tag abstürzen, so wie es neuerdings immer wieder im Internet auf ihren neuen Seiten liest?
Zu Hause entdeckt sie in den Lesezeichen ein Linux Forum. Ob der Nachbar da wohl auch angemeldet ist? Da ihre Probleme von weiter oben noch nicht gelöst sind muss sie sich auch unbedingt anmelden. Sie bemüht sich, in ihrem Nicknamen ihre Abneigung gegen Windows auszudrücken. Das war zwar schwer, da alle Namen mit Anti Windows etc. drin schon vergeben sind, aber irgendwann klappte es dann doch. Sie eröffnet mehrere Themen und vergisst natürlich nicht Überschriften wie „Hallo liebe Anti M$ Gemeinde“ und schreibt auch möglichst oft das Wort „Windoof“.
Als sich dann mal wieder die Aktualisierungsverwaltung meldet und schon wieder einen neuen Kernel installieren und neu starten will hat Liesl keine Lust mehr und geht ins Bett.
Tag 5
Die Kollegen auf Arbeit wundern sich warum Liesl so still geworden ist. Kein ungefragtes Fabulieren mehr von Freiheit, Shell und Kernel.
Wieder zu Hause schaut Liesl sofort in dem Linuxforum was aus ihren Postings geworden ist.
Sie versteht kein Wort von dem was da steht. Da steht expertises Fachwörtergeschmeiße oder sie soll Google oder die Suchfunktion nutzen.
Als sie dann noch mit Brasero eine Audio CD brennt und diese nirgends lesbar ist, kommen ihr Zweifel an Linux.
Tag 6
Endlich Wochende. Voller Enthusiasmus will sie ihre Linux Probleme lösen und es der Welt zeigen.
Sie schaut nochmal ins Linuxforum, eröffnet noch ein Thema wegen ihrer Audio CD.
Als sie aus den Antworten dort auch nicht schlau wird, ruft sie ihren kauzigen Nachbarn an.
Dieser ist völlig happy, weil sein neues Linux endlich eine grafische Oberfläche hat.
Zu ihren Problemen kann er nichts sagen, er rät ihr aber seine Version auch mal zu versuchen. Es sei ganz einfach, sie müsse nur viel lesen und lernen. Mit seiner Version klappt das alles ganz einfach. Man muss nur #&$%§/)}][ (&%$ in die Konsole eingeben und schon läuft alles.
Liesl legt entnervt auf. Sie klickt sich jetzt wahllos durch Linux und findet die Backports und Proposed Quellen. Was das wohl sein mag fragt sie sich und setzt die Haken.
Wow, schon wieder 200 Updates. Da werden bestimmt neue Versionen drin sein und ihre Probleme sind gelöst. In einem Akt der Verzweiflung klickt sie auf installieren und startet neu.
Aber was nun? Der PC startet nicht mehr neu, sondern es erscheint nur ein schwarzer Bildschirm.
Liesl hat die Schnauze voll von Linux und geht nach langer Zeit mal wieder an die frische Luft.
Dort trifft sie ihre Freundin, mit der sie sich doch eigentlich morgen treffen wollte und der sie abgesagt hat, weil sie beim kauzigen Nachbarn Linux Frickel Abend machen wollte.
Sie berichtet von den Linux Problemen. Die Freundin schüttelt entsetzt den Kopf. „Linux ist nur was für Dauersingles mit zu viel Freizeit“ sagt die. Das ist dieses Betriebssystem, an dem sich ihr Mann auch mal versucht hat und tagelang keine Zeit mehr für die Familie und Freunde hatte.
Die Freundin ruft ihren Mann an und fragt ob der helfen könnte. Der Mann sagt zu, sagt aber dass er Linux wieder löscht und Windows neu installiert.
Liesl ist erleichtert, sie will schließlich den PC nur nutzen und kein Informatikstudium absolvieren nur um z.B. Fotos auszudrucken.
Die lustigen Pinguin Accessoires sind alle eingetroffen und fristen ein nutzloses Dasein in der Ecke.
Sie wird alles zurückschicken.
Tag 7
Das Pärchen ist da. Der Mann macht sich gleich an die Arbeit, löscht Linux und installiert Windows neu.
Nach getaner Arbeit gibt der Mann Liesl gleich noch einen Crashkurs in Sachen PC Sicherheit.
Er installiert ein gutes kostenloses Antivirenprogramm, aktiviert die Windows Updates und zeigt Liesl in ihrer Computerbild die Seiten mit der Anleitung zur richtigen PC Benutzung.
Die hatte Liesl bisher meistens überblättert und nur nach neuer Free und Shareware gesucht.
Der Mann installiert alles was sie braucht und erklärt ihr, dass ihre vorhandenen Programme ausreichen und sie nichts mehr installieren soll was sie nicht wirklich braucht.
Liesl ist zufrieden, das sie jetzt endlich wieder den PC nutzen kann. Auf solche Experimente wie mit Linux hat sie ein für allemal die Schnauze voll.
Der Mann verabschiedet sich und Liesl hat endlich wieder Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens und der Weiberabend war ein voller Erfolg.
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