Wenn man von Apple oder Windows zu Linux kommt, fällt einem sofort das altbackene Design auf. Die meisten Symbole sehen aus wie von Anno Pfeife und die Oberflächen sind, trotz Auffrischung (Gnome 3, Unity, etc.), nicht wirklich ansehnlich. Woran liegt das? "Kann Linux nicht schön?"
Was von dir als schick erachtet wird sind wahrscheinlich die ganzen Glanzeffekte. Die sind bei Windows (ab Vista) und MacOS X ja überall zu sehen.
Bei Linux gibt es diese fast gar nicht. Und wenn dann in Themes die von Usern erstellt wurden.
Es wart der Glanz
Zunächst zu diesen Glanzeffekten. Dabei handelt es sich um einen Skeuomorphismus. Ein Skeuomorphismus ist wenn man etwas altes in eine neue Technik einbaut. Alt heißt aber nicht nur das dein neues Smartphone wie ein altes Telefon aus Bakelit klingelt, sondern auch das man altes wie etwa Papier in einer neuen Anwendung zur Verwaltung von Notizen verwendet. Naja nicht direkt Papier sondern eine Textur also Bild.
Dieser Glanz soll auch etwas reales Darstellen nämlich den Schein der Sonne bzw. dessen Reflexionen. Auf einem Bildschirm macht die jedoch keinen Sinn, gibt es doch nur das Hintergrundlicht dass sich auf den Inhalt auswirkt. Auch wenn die Sonne von der Seite scheint ändert dies nichts an dem Inhalt, die Icons reflektieren eben nicht. Das Einzige was passieren kann ist das der Bildschirm schlechter zu erkennen ist, oder dass sich Dinge in ihm spiegeln. Übrigens sind matte Display bei den meisten Linux-Nutzern nicht sonderlich beliebt, eben wegen den Reflexionen und virtuelle Reflexionen sehen auf matten Bildschirmen auch nicht so toll aus.
Nun meine These: Skeuomorphismen sind falsch! Nicht nur weil es sich nicht um echtes Papier, oder eine Glocke in deinem Smartphone handelt sondern weil es von wesentlichem Ablenkt. Aber dazu später mehr.
Datails und Überblick
Nun die Icons bei Linux sind also nicht so reflektierend wie bei OS X und Windows. Aber dennoch sehen sie nicht so schön aus? Sie sind nicht so detailliert? Das stimmt. Warum warum auch? Das braucht nur unnötig Zeit und Aufwand und dabei sind Icons doch dazu da einem auf einen Blick mitzuteilen was sie darstellen. Ein Blick und du weißt: dies ist der Mülleimer oder eine Textdatei.
Die Welt ist flach!
Was vielleicht noch dazu beiträgt dass du die Icons als nicht so schön empfindest: es fehlt Perspektive. Die Icons Windows 7 sind gerne leicht angeschrägt, als stünden sie im 35°-Winkel im Raum. Allerdings gibt es wieder andere Icons die dies nicht tun. Das ist zum einen inkonsistent und zum anderen auch wieder falsch, denn dein Bildschirm ist flach, es gibt keinen dreidimensionalen Raum in den du Dinge stellen kannst.
Fassen wir also zusammen was die großen unterschied zwischen "Linux-Icons" und Windows-Icons sind:
Glanz → Skeuomorphismus
Details
3D → Skeuomorphismus
Dann gibt es natürlich noch schön häßliche Designs wie das neue von Gnome3. Die Standard Ubuntu Icon-Sets sind nicht so toll aber meiner Meinung nach nicht hässlich.
Lieblingsicons
Ich verwende auch immer andere Icons:
Faenza
Das schöne, alle Icons sind Quadratisch, das gibt einen einheitlichen Look → konsistenzFaience
Quasi wie Faenza, aber mit mehr Details und flacher - ist neuer und es gibt noch nicht für "alle" Anwendungen Icons
ich bin mir bewusst dass diese Icons teilweise die oben genannten Kritikpunkte erfüllen, allerdings tun sie das nicht so stark wie genannte Icons. Aber leider habe ich noch keine total schlichtes Set gefunden das mir gefällt. Und Aw0ken spielt mir zu sehr mit Komplementärfarben und Farbverläufen.
Gewöhnung?
Ein Aspekt warum die Icons dir (TE) nicht so gefallen ist noch ganz wichtig:
Du bist daran gewöhnt! Ich habe damals auch fast ein halbes Jahr gebraucht mich von den XP Icons zu entwöhnen. Den eigentlich sind diese genau das was mir nicht gefällt. Zur bunt, wo es nicht so viel Sinn macht.
Warum Skeuomorphimus?
So und nun nochmal zu den Skeuomorphismen:
Wozu sind diese gut?
Um Unerfahrene an IT-Systeme heranzuführen, denn "alles" funktioniert so wie man es auch der "echten" Welt kennt. Etwas das Blättern im Kalender des iPads. Aber versuch damit mal in den Jahren und Monaten zu navigieren. Das geht genau wie in der realen Welt, blättern, blättern, blättern, nur dass man auf dem iPad nicht mehrere Seiten auf einmal umschlagen kann.
Retro: Etwa die alten Sounds von Spielekonsolen und 8-bit Sound und Grafiken.
Mehr fällt mir dazu nicht ein. Der erste Punkt ist legitim wenn man UIs baut. Aber der zweite nicht! Warum? Nun man baut UIs gewöhnlich für eine breite Masse, zumd. gehe ich hiervon aus (in diesem Thread). Ist dies nicht der Fall kann man Skeuomorphismen gerne einbauen um Retro-Charm zu wecken, dies ist jedoch nicht für die Masse sondern nur für Nostalgiker.
Apple ist meiner Meinung nach der "Skeuomorphismus-Magnet". Denn auf deren Produkten findet man die meisten Skeuomorphismen, besonders bei iOS.
Der letzte Aufreger
Meine letzte Erinnerung als mich darüber aufgeregt habe war bei der iOS Notiz-App für das iPad: Bild
Dort ist an der linken Seite eine Liste mit den Notizen, die man dann dort auswählen kann. Im Bild ist diese noch leer. Ist die Liste jedoch gefüllt fängt es an zu nerven.
Diese Liste ist umfasst von einer Lederlasche, welche bei echten Notizbüchern dazu da ist den Zettel zu arretieren. Digital braucht es so etwas nicht, es fällt ja nichts aus dem Bildschirm heraus. Diese Lasche ist also überflüssig. das allein wäre nicht so schlimm, würde sie nicht den untersten Eintrag (vllt. sogar mehr, habe das nicht mehr in Erinnerung) verdecken.
Man hat also eine Liste die man Scrollen muss, weil sie zu lang für den Bildschirm ist. Aber nicht nur das, dieses Designelement verdeckt auch noch wichtige Informationen vor dem Benutzer. Klar man Scrollt einfach weiter und kann dadurch den Eintrag erblicken. Aber nötig ist dies nicht.
Und was macht Microsoft?
Die Designer bei Microsoft haben das Problem erkannt und dem Skeuomorphismus abgesagt. Das Mittel der Wahl heißt Reduktion. Was macht man? Man lässt alles weg was dem erlangen einer Information im Wege steht.
dreidimensionale Effekte
Reflexionen
Farben - klingt hart, ist aber ganz gut. Denkt an den Straßenverkehr, dort gibt es nur Piktogramme, also Symbole die einem schnell und leicht verständlich Informationen vermitteln.
Nun nicht alles kann man mit einem Piktogramm vermitteln, aber dazu gibt es ja Schrift. Und Typographie rückt beim neuen Windows 8 auch in den Vordergrund.
Nebenbei ich bin davon überzeugt das Windows 8 ein grausamer Release wird. Die ist aber mehr der Tatsache geschuldet dass die Konsistenz fehlt und anscheinen die Team bei MS nicht ganz so gut miteinander zusammen arbeiten, sodass eine gute "Verzahnung" des Desktops nicht erreicht wird. Und außerdem ist das OS technisch eher bescheiden 😛
Ich glaube ich wollte noch weiter schreiben, habe aber den Inhalt vergessen 😉 Der Text ist eh umfangreich genug.
Viele Grüße
Das Wort
Edit:
Videos, Bilder & Blogartikel zum Thema: Habe noch ein paar Informationen heraus gesucht die ihr bei Interesse konsumieren könnt:
Technik von heute, Design von gestern - dradio Wissen 10 min über Skeuomorphismus zum anhören
Future Vision - Vision vom Microsoft Office Theme. Sehr schick, ein bisschen inkonsistent in der Bedienung aber man sieht was man sich dort vorstellt.
Blogeintrag über Apple und Skeuomorphismen von einem Fanboy - Seine These: Apple will keine kühlen Rechenmaschinen, sondern Magic Boxes. Das ist völlig richtig. Aber meines Erachtens der falsche Weg, da eben diese Cleanheit dem Überblick förderlich ist. Den die Informationen werden immer mehr und die Zusammenhänge komplexer. Und eine Beziehung zu einem technischen Gerät ist meiner Meinung nur förderungswürdig wenn man
die Geräte verkaufen will → Emotionen!
Eine Sekte aufbauen → magische Verbundenheit mit einem Werkzeug (Vorsicht Überspitzung!)
Es lohnt sich die Kommentare dort zu lesen An dieser Stelle sein
Apple - Das Coolness Diktat empfohlen, eine Arte Doku
Dann habe ich noch einen Blogeintrag ausgegraben der relativ wertneutral ist und beiden Richtungen seine Existenzberechtigung ausspricht.
BTW: Mir ist aufgefallen dass es keinen Wikipediaartikel für Skeuomorphismus gibt. ☹
In der englischen ist es natürlich Skeuomorph
Edit2: Ich habe mir erlaubt "Kapitel" zu setzen, wg. der Übersichtlichkeit.
Edit3: Wer der Meinung ist das wir (als Gemeinschaft) das Thema weiter aus rollen sollen, der kann gerne ein Thema überfolgendes eröffenen:
Skeuomorphismus
Zukunft der GUI/UI-Designs
Dann bitte bei mir Bescheid sagen ☺ Ach und wenn ihr noch etwas interessantes gefunden habt → PN